Die Tür geht auf und heraus kommt ein dicker Schwall schweißgetränkter Luft. Dabei sind Tropentemperaturen an diesem Junitag noch längst kein Thema. Dem Hitzeschwall folgen jede Menge zufriedener Gesichter, ein bisschen erschöpft zwar, aber sehr guter Dinge. Der amerikanische Schauspiel-Guru Larry Moss hat zum Workshop gerufen – und alle sind gekommen. Mit rund 45 Teilnehmern, aufgeteilt in eine aktiv spielende und eine nur zuschauende Gruppe, ist der Kurs restlos ausgebucht.

Schauspielerweiterbildung boomt, nicht nur wenn US-Prominenz anreist. Zahllose private Schulen bieten inzwischen Kurse auch für fertige Mimen an, Coaches bereiten auf Castings und Rollen vor – ein junger, schwer überschaubarer Markt mit nur unklar definierten Qualitätskriterien. Vom Spielen vor der Kamera über szenische Arbeit bis hin zu Kursen über Marketing und Demovideoschnitt reicht die Palette. Die Konkurrenz im darstellenden Gewerbe ist groß und gute Selbstvermarktung ein absolutes Muss.

Auf der anderen Seite setzt sich auch bei etablierten Schauspielern der jüngeren Generation die Einsicht durch, dass gezieltes Weiterlernen nach der Ausbildung kein Zeichen von Schwäche ist. „Auch Leute mit Namen haben mittlerweile keine Angst mehr, sich vor einer offenen Klasse zu präsentieren“, meint Til Dellers. Er muss es wissen. Mit seinem Label „Interkunst“ war er Vorreiter in Sachen Fortbildung. Als erster lud er in den 1980ern internationale Coaches ein, auch die Workshops mit Larry Moss organisiert er. Kamen früher nur junge Schauspieler – gerne mit Off-Hintergrund – in die Kurse, so sind Altersdurchschnitt und Professionalität heute höher. Werbung macht er kaum noch. Die Workshops füllen sich durch Mundpropaganda.

Andreas Schmidt („Sommer vorm Balkon“) war bereits zwei Mal für den Deutschen Filmpreis nominiert, den er 2009 im dritten Anlauf schließlich gewann – ein gestandener Schauspieler also. Seinen ersten Workshop machte er im vergangenen Jahr. Als junger Mensch sei er Autoritäten gegenüber so verschlossen gewesen, dass er eine solche Lehrer-Schüler-Situation nicht zulassen konnte, erzählt er: „Ich hatte Angst vor Gurus.“ Mittlerweile denkt er anders: „Wenn man einen Zahnarzt fragt, warum er eine Fortbildung macht, dann würde der lachen, weil das selbstverständlich ist. Es ist Unfug zu glauben, dass man das als Schauspieler nicht braucht.“ Bei der Arbeit an einer Szene, wie es bei Moss üblich ist, könne man viel Grundsätzliches lernen. Zum Beispiel wie man mit Requisiten arbeitet oder welche Sprache eine Figur spricht. Die genaue Untersuchung von Charakteren und Buch ist die halbe Miete, „und da ist es schon gut, wenn jemand hilft, genau hinzusehen und auch emotionale Schranken anspricht“.

Der aktuelle Boom hat viele Ursachen. Den ersten Schritt machte Vater Staat mit der Zulassung des Privatfernsehens. Drehen – in der kleinen öffentlich-rechtlichen Senderlandschaft oft nur ein Nebenjob für Theaterschauspieler – wurde für viele zur Hauptbeschäftigung. Die Aufhebung des staatlichen Arbeitsvermittlungsmonopols 1994 krempelte die Szene schließlich völlig um. Neben der amtlichen Mimenvermittlung ZBF entstanden zahllose private Schauspiel- und Castingagenturen. Für die galten die rigiden Aufnahmekriterien der Staatskartei nicht. So kamen viele Schauspieler ohne klassischen Ausbildungsweg in den immer größeren und härteren Vermittlungsmarkt. Parallel dazu veränderten sich die Besetzungspraktiken. Ohne ein Casting mit Dutzenden von potenziell passenden Gesichtern wird heute keine größere Fernseh- und Filmrolle mehr vergeben.

Besuch bei Frank Betzelt. Auf der Referenzliste seines Coachingteams tummelt sich die Champions League des deutschen Films: Daniel Brühl, Maria Furtwängler, Hannah Herzsprung – alle haben sich gemeinsam mit ihm auf Rollen vorbereitet. Er führt den Aufstieg seines Gewerbes vor allem darauf zurück, dass viele Schauspieler mittlerweile fast ausschließlich vor der Kamera stehen: „Am Set kann man nicht riskieren zu scheitern.“ Einen Raum zum Experimentieren wie bei einer Theaterprobe gibt es bei den engen Drehplänen nicht. Der ausgebildete Schauspieler und Regisseur, der seit 14 Jahren coacht, sieht seine Hauptaufgabe darin, „die Menschen zum Blühen zu bringen“. Das kann passieren, indem man sich jede Szene im Skript genau anschaut und spielt. Oder auch nur in einer kurzen Session, bei der die Konstellationen der Charaktere wie bei einer Familienaufstellung mit Tassen simuliert werden. Betzelt arbeitet mit unterschiedlichen Methoden: „Manchmal kann man mit einem Satz die Tür aufmachen.“ Aber der Weg dahin dauert – und kostet: 70 bis 90 Euro pro Stunde für ein Einzelcoaching. Plus Mehrwertsteuer. Die vielen Kurse, die sein Team anbietet, sind um einiges preiswerter.

In der Kreuzberger Fabriketage des „Actors Space“ steht sich eine Handvoll Schauspieler paarweise gegenüber und wiederholt immer wieder den gleichen, improvisierten Satz. Normalerweise ist die „Drop-in-Class“ um einiges voller. Aber am Tag des WM-Viertelfinales haben auch Mimen anderes im Kopf als Fortbildung. In die offene Klasse kann jeder mitbringen, woran er gerade arbeitet. Dazu gibt es Übungen, um Präsenz und das Sich-Einlassen in den Moment zu trainieren. „Wir möchten hier einen Platz für Schauspieler schaffen, wo sie sich austauschen können“, erklärt Coach Mike Bernardin, der hier die derzeit sehr angesagte Meisner Technique lehrt. Das vielfältige Angebot des Studios versteht er als „Fitnesstraining“. Bereit sein, heiß bleiben, nicht einrosten – das sind die Themen. „Selbst gut beschäftigte Schauspieler haben maximal 60 Drehtage im Jahr,“ sagt er. Da bleibt genügend Zeit für Community, jenseits der allgegenwärtigen Konkurrenz. „Hier kann man sich auf einem Level treffen, egal ob jemand gut im Geschäft ist oder gerade die Babypause beendet.“ Das Ego bleibt draußen.
Andreas Schmidt hat diesen Community-Gedanken auf andere Weise umgesetzt. Während des Workshops sah er zwei Kollegen an einer Szene arbeiten. Sofort verliebte er sich in das Stück und ihre intensive Annäherung. Ein paar Monate später steht seine Inszenierung „Danny and the Deep Blue Sea“ auf einer kleinen Kreuzberger Bühne. Mit eigenem Geld produziert und natürlich auf Englisch. So viel Schielen nach dem internationalen Markt muss sein. Das Stück, ein typisch amerikanischer, sehr realistischer Ritt durch die extremen Gefühle zweier gebrochener Gestalten, ist nicht besonders aufregend. Das offene, verletzliche Spiel der beiden Protagonisten schon. Während der Berlinale im nächsten Jahr soll es als mitternächtliches Special aufgeführt werden.
Selbsterfahrung und Selbstvermarktung sind kein Widerspruch mehr. „Man kann viele Dinge eigenständig in die Hand nehmen und so auf Augenhöhe mit Castern und Regisseuren in Kommunikation treten“, sagt Schmidt. So hat der Fortbildungs-Boom auch mit Emanzipation zu tun.